Die barocke Klosterkirche Muri beeindruckt bis heute mit ihrer Pracht. In den 1690er-Jahren liess Abt Plazidus Zurlauben den achteckigen Zentralbau als repräsentatives Denkmal errichten. Die Kirche ist Ausdruck seines Anspruchs auf Rang und Herkunft.
Sie ist ein architektonisches Wunderwerk und für viele der schönste Zentralraum der Schweiz: die Klosterkirche Muri. Ihr spiritus rector war Abt Plazidus Zurlauben, der 39 Jahre lang dem Kloster Muri vorstand. Bis heute lässt sich über den Bau mit seinen rund 20 Metern Durchmesser und seiner reich stuckierten Innenausstattung nur staunen. Was bezweckte Zurlauben mit diesem barocken Kirchenumbau, bis heute schweizweit der grösste seiner Art?
Ein Bau für mehrchörige Musik?
Der Kunsthistoriker Axel Christoph Gampp hat sich dieser Frage für die «Neue Klostergeschichte Muri» angenommen und kommt zum Schluss: «Die Klosterkirche Muri ist ein Gründermausoleum.» Bei seiner Recherche habe er zahlreiche Möglichkeiten erwogen. Die Klosterkirche Muri ist der einzige Kirchenbau in der Schweiz, an dem mehrchörige Musik heute so aufgeführt werden kann, wie dies in Venedig ab etwa 1550 praktiziert wurde. Diese neue Form der Musikpraxis war damals eine Innovation. Sie sollte die neuen grossen und reich ausgestatteten Kirchenräume zum Klingen bringen und Ausdruck für einen starken Katholizismus sein.
Es fehlen Kompositionen
Diese Musikpraxis passte ganz zur barocken Architektur der Zeit: überquellend und angesichts der überwältigenden Formen Demut erzeugend. Wollte Zurlauben in Muri also eine geistliche Konzerthalle bauen? «Nein», sagt Gampp. «Unter den Klosterkomponisten gab es keinen, der sich der Mehrchörigkeit widmete.»
Zwar gab es einen Komponisten aus dem Freiamt, der sich um diese neue Form der Chormusik verdient machte: Johann Melchior Gletle, 1626 in Bremgarten geboren. Er war Domorganist in Augsburg und hauptsächlich dafür verantwortlich, dass die Fugger-Stadt zum Zentrum der Mehrchörigkeit nördlich der Alpen wurde. In Muri war er aber nicht aktiv. Also musste es andere Gründe geben für Zurlaubens Wunsch nach einer Kirche mit oktogonalem Zentralbau.
Abt schielt nach Wien
«Abt Plazidus Zurlauben stand der Gründungsmythos des Klosters vor Augen», sagt Gampp. Die Quellen zum Kirchenumbau Ende der 1690er-Jahre lassen heute keinen Zweifel daran, dass Zurlauben die Ursprünge des Klosters Muri im grossen Stil inszenieren wollte. Der Überlieferung nach haben Ita von Lothringen und Radbot von Habsburg 1027 das Kloster Muri gestiftet. Und diese Herkunft sollte in der neuen Klosterkirche wieder deutlich werden.
Abt Plazidus hatte für eine so gross gedachte Idee die richtige Herkunft. Er stammte aus der wohlhabenden, weit über die Eidgenossenschaft hinaus vernetzten Zuger Familie der Zurlauben. Diese war vor allem durch die Vermittlung von Söldnern an die Republik Venedig oder an das spanische Königshaus reich geworden. Man verkehrte in den höchsten gesellschaftlichen Rängen des damaligen Europas. «Plazidus zielte mit der Barockisierung der Klosterkirche direkt auf Wien», sagt Gampp. «Dabei ging es ihm nicht nur um seine eigene Standeserhöhung, sondern auch um den Rang des Klosters Muri im Reich.»
Auf der Suche nach einem Vorbild
Woher hatte Zurlauben die bauliche Idee? Oktogonale Kirchenbauten – typologisch eigentlich Taufkirchen – gibt es nördlich der Alpen wenige. Als Vergleichsbau für Muri könnte allerdings die Kirche St. Lorenz in Kempten gedient haben, bei der zwischen 1652 und 1654 ein oktogonaler Chor von 21 Metern Spannweite «mit memorialen Anspielungen» entstand, wie Gampp sagt. «Es war der einzige neue Zentralkuppelbau der Zeit.»
Gut möglich sei aber auch, dass sich Zurlauben von den Kirchen südlich der Alpen habe inspirieren lassen. Oder dass er sich an der Abteikirche Ottmarsheim aus dem 11. Jahrhundert orientierte, die durch Radbots Bruder Rudolf I. von Habsburg errichtet worden war. «Mit Sicherheit lässt sich aber kein Vorbild belegen», sagt Gampp.
Co-Architekten setzen um
Auch die Frage nach dem Architekten des Oktogons beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten. Klar ist: Der Tessiner Stuckateur Giovanni Battista Bettini weilte zwischen 1694 und 1696 über längere Zeit in Muri und scheint vom Entwurf bis zur Vollendung des Baus alle Bauschritte begleitet zu haben.
In einem Artikel der katholischen «Neuen Zürcher Nachrichten» von 1954 bezeichnete P. Adelhelm Rast, Archivar im Kloster Muri-Gries, Bettini als federführend. Der Murenser Pater hatte Zurlaubens Kirchenbaurechnung genauer studiert. Darin wird Bettini als «architectus» bezeichnet. Dazu Gampp: «Bettini war derjenige, der den Bau nach den Wünschen des Abts ausführte.» Dafür musste das Schiff der romanischen Kirche aus dem 11. Jahrhundert ganz neu gestaltet werden – «überformt», wie Gampp es nennt.
Unterstützt wurde Bettini in Fragen zur Statik von Caspar Moosbrugger, dem Einsiedler Konventualen und Ende des 17. Jahrhunderts gefragtesten Kirchenarchitekten und Bauingenieur der Deutschschweiz. «Bettini und Moosbrugger waren die Ausführer der Zurlaubschen Idee.»
Standeserhöhung klappt
Und diese Idee sah ein Mausoleum der Habsburger vor. Eine Kuppel und in der Mitte der Kirche ein Kenotaph, ein symbolisches Grabmal, für die Gründer Ita und Radbot platziert ist. Das Kloster Muri sicherte sich symbolisch so einen Platz gleich neben Wien, wo die Habsburger residierten. 1701 sollte dieser Draht zu den Habsburgern auch offiziell werden: Mit dem Titel des Fürstabts war Plazidus Zurlauben dem Kaiser unterstellt.