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Schauereignis des Jahrhunderts

Muris Theatertradition reicht weit zurück. In der Barockzeit stand der heilige Leontius im Zentrum von pompösen Prozessionen. Auch das älteste Osterspiel steht mit Muri in Verbindung – allerdings nur dem Namen nach.

 

Es war ein Spektakel sondergleichen, die Hundertjahrfeier für den heiligen Leontius am 4. September 1747. Höhepunkt bildete die Prozession, die über die Felder nördlich des Klosters durch drei riesige, eigens dafür aufgerichtete Triumphbogen führte: Fahnen- und Kreuzträger formierten die Spitze des Zugs. Danach folgten die Mitglieder der Rosenkranzbruderschaft und dann sechs Triumphwagen, ausgestattet mit lebenden Bühnenbildern, die Szenen aus der Leontius-Legende darstellten. Dazwischen immer wieder Gruppen von Würdenträgern.

 

Tausende Menschen an der Prozession

«Es war das Schauereignis des Jahrhunderts», sagt Heidy Greco-Kaufmann zur Prozession von 1747. Die Theaterwissenschaftlerin leitete während zehn Jahren die Schweizerische Theatersammlung (heute Schweizer Archiv der Darstellenden Künste SAPA) in Bern und lehrte bis zur Emeritierung Ende 2021 an der dortigen Universität. Für die Neue Klostergeschichte Muri verfasst sie einen Beitrag zum Theaterspiel in der Barockzeit.

«Schauereignis des Jahrhunderts» ist nicht übertrieben. Tausende Menschen strömten im Frühherbst 1747 in das Klosterdorf Muri, das damals keine 2000 Einwohnerinnen und Einwohner zählte, um dem Grossereignis beizuwohnen. Warum dieses Aufsehen? Rund um die Reliquien von Leontius hatte sich seit Mitte 17. Jahrhundert ein reges Pilgerwesen entwickelt. Nach 1600 wurden zahlreiche Reliquien von Katakombenheiligen in die heutige Schweiz eingeführt – im Ostaargau zum Beispiel in Baden Damian, in Wettingen Marianus und Getulius, in Bremgarten Synesius, in Gnadenthal Justa. 1647 gehörten in Muri die Gebeine Leontius’ dazu. Er soll in Rom in der Zeit der ersten Christen als Arzt gewirkt haben.

 

Dokumentation der Wunder

Menschen kamen also nach Muri in der Hoffnung, hier geheilt zu werden. Wunder geschahen unzählige, wie eine Druckschrift von 1707 dokumentiert. «Die Konventualen des Klosters verzeichneten alle Mirakel akribisch und ordneten sie nach den Krankheitsbildern von den Fieberkrankheiten bis zu Lähmungen», sagt Heidi Greco-Kaufmann. Sie hat das Buch – je ein Exemplar davon ist heute in der Sammlung Murensia in Muri und in der Aargauer Kantonsbibliothek überliefert – studiert.

Hunderte von Personen allein sind gemäss dieser Dokumentation seit 1647 allein in Muri geheilt worden. «Dieses Verzeichnis der Wunderheilungen diente als Werbemittel für Muri», sagt Greco-Kaufmann. Bis heute pilgern Menschen zum Leontiusaltar aus dem 18. Jahrhundert und bitten den Heiligen um Beistand.

 

Prozessionen demonstrieren Macht

Zwei grosse Leontius-Prozessionen sind dokumentiert: diejenige der Translation aus Rom 1647 und die Hundertjahrfeier 1747. Beide waren streng choreografiert. Der Andrang war bei beiden Feiern nachweislich riesig. Bei der Translation wurde an drei Orten gepredigt, in der Kirche, vor der Kirche und hinter dem Chor. 

Die Feiern waren ein Ausdruck des Heiligenkults, der sich in der katholischen Schweiz im 17. und 18. Jahrhundert auf dem Höhepunkt befand. Sie bedeuteten aber noch mehr: Sie waren eine Demonstration der Macht – mit Musketieren und Harnischmännern – und eine Provokation der Reformierten. Die Reformierten nämlich hatten solche Feiern ganz abgeschafft und alle Bildwerke aus den Kirchen verbannt. «Die Translationsfeier wollte zeigen: Wir sind gerüstet, wir wollen diesen Leontius schützen», sagt Greco-Kaufmann. Die Grösse der Prozession von 1747 ist ausserordentlich. «Mir sind aus dem Gebiet der Eidgenossenschaft keine Prozessionen mit sechs Triumphwagen und der Darstellung von lebenden Bildern bekannt.»

 

Theater ist im Ursprung liturgisch

Im Christentum ist das Theater eng mit der liturgischen Praxis verbunden. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit wurden die hohen Feiertage theatral ausgestaltet. Der wichtigste Zeitpunkt für die religiösen Spiele war Ostern mit der szenischen Darstellung des Auferstehungswunders. Im Zentrum steht der Besuch der drei Marien am Heiligen Grab und ihr Dialog mit den Engeln. Diese sagen zu ihnen: «Er ist nicht hier. Er ist auferstanden, wie er es vorausgesagt hat. Geht und verkündet, dass er aus dem Grab auferstanden ist.» Dieser Oster-Tropus verbreitete sich ab dem 10. Jahrhundert sowohl als gesungener Text als auch als Theaterspiel auf Latein und bald in der Volkssprache.

 

Das älteste deutsche Osterspiel

Als «Osterspiel von Muri» ist heute in der Aargauer Kantonsbibliothek das älteste deutsche Osterspiel überliefert. Es entstand wahrscheinlich um 1250 in Zürich. Heute sind davon nur Fragmente erhalten. Ein Glücksfall: Die Pergamentstücke bildeten einen Einband für eine Bibel im Kloster Muri und wurden erst 1840 wiederentdeckt. «Eine Sensation», sagt Heidy Greco-Kaufmann.

Wie aber gelangte die Rolle von Zürich nach Muri? Greco-Kaufmann hat die Verbindung von Muri und Zürich genauer untersucht. Sie vermutet den ehemaligen Murenser Klosterschüler Konrad von Mure als Verfasser. Er leitete zwischen 1244 und 1271 die Stiftsschule am Grossmünster Zürich und amtete auch als Kantor. «Er war in dieser Funktion auch zuständig für das Theaterspiel und unterhielt Kontakte zu Muri», sagt Greco-Kaufmann. «Das Osterspiel wurde sicherlich in Zürich aufgeführt», sagt sie. Das wertvolle Pergament, auf dem das Spiel aufgezeichnet war, habe man als Umschlag einer zweibändigen Bibelausgabe weiterverwendet. «Diese kam nach Muri», so Greco-Kaufmann. So sind heute in der Aargauer Kantonsbibliothek Fragmente eines der für die Germanistik und Theaterwissenschaft wichtigsten Spiele des Mittelalters erhalten geblieben.

 

Quellen aus dem Film