Nach Tausenden von Briefen und vielen Reisen gibt Fürstabt Pankraz Vorster von St.Gallen seine letzte Hoffnung auf: «Sein» Kloster wird nicht wieder aufleben. Und so zieht er sich 1817 zu den Benediktinern in Muri zurück. Hier errichtet er Stiftungen.
Sein Leben war ungewöhnlich: Geburt in Neapel, Wahl zum Abt eines bald aufgehobenen Klosters, Tod in Muri als Gast-Mönch. Als Pankraz Vorster 1796 zum Fürstabt des Klosters St.Gallen gewählt wird, notiert er: «[Es] traf mich das Unglück [...].» Keine Freude über dieses hohe und hehre Amt. Der neue Vorsteher weiss, dass sich sein Kloster in Schieflage befindet. Die Zeichen der Zeit stehen auf radikale Veränderung. In der Eidgenossenschaft droht eine flächendeckende Säkularisierung.
Annina Steinmann hat in den vergangenen vier Jahren zusammen mit Peter Erhart und Sandra Ernst Pankraz Vorsters Tagebücher ediert und verschiedene Schriften zum letzten Fürstabt des Klosters St.Gallen publiziert. Nun veröffentlicht Steinmann einen Band in der «Murensia»-Reihe, in dem sie sich auf die Zeit Vorsters in Muri ab 1817 bis 1829 konzentriert. Abt Pankraz werde häufig als stur und starrsinnig beschrieben. «Das war er ohne Zweifel – aber er liess vor allem in den letzten Jahren die Grosszügigkeit walten», sagt sie.
Sturm auf das Kloster St.Gallen
Zurück nach St.Gallen im Jahr 1796: Pankraz Vorster ist Nachfolger von Abt Beda Angehrn, der sich mit Bauten wie dem Barocksaal der heutigen Stiftsbibliothek ein Denkmal gesetzt, aber auch ein grosses Loch in die Kasse gerissen hat. Mönch Pankraz, der sich um die Finanzen kümmert, kritisiert ihn. Und nun wird er selbst Abt in dieser politisch turbulenten Zeit: Die Französische Revolution strahlt in die Schweiz aus.
Kaum eine Woche im Amt, erhält er am 8. Juni 1796 Post von Bauern im fürstäbtischen Gebiet, die Freiheit fordern. Im Februar 1797 stürmen die Untertanen zum ersten Mal das Kloster, Abt Pankraz bittet in Zürich, Luzern, Schwyz und Glarus um Hilfe. Manchmal scheint es, als ob er den Aufstand unterdrücken könne, der Fürstabt inszeniert sich bei einem Wiedereinzug ins Kloster als Herrscher. Doch die Widerstände bleiben. Am 27. September 1799 flüchtet er um drei Uhr in der Früh aus dem Kloster nach Mehrerau am Bodensee.
Tausende Kilometer unterwegs
Und auch was in den Jahren danach folgt, ist keine Erfolgsgeschichte: Nach der Helvetik entstehen 1803 neue Kantone, so St.Gallen wie auch der Aargau. Der Kanton St.Gallen will dem Kloster die weltliche Macht entziehen und die Mönche als Kapitel eines neuen Bistums gewähren lassen. Doch Fürstabt Pankraz Vorster weigert sich, den Vertrag zu unterzeichnen. Und so verliert er das ganze Kloster: 1805 beschliesst der Grosse Rat St.Gallen die Liquidation der Güter.
Einige der Mönche bleiben in St.Gallen, Abt Pankraz Vorster zeigt sich kämpferisch und reist in den darauffolgenden 13 Jahren mehrfach zum Kaiser nach Wien, zum Papst nach Rom und kreuz und quer in der Eidgenossenschaft umher in der Hoffnung, die Fürstabtei St.Gallen wiederherzustellen. Seine Brieftasche füllt er mit Visitenkarten von wichtigen Persönlichkeiten aus halb Europa, sein Netzwerk ist gross. Vergebens.
Warum blieb er dermassen hoffnungsvoll und hartnäckig? «Pankraz Vorster war überzeugt, dass das Kloster gottgewollt sei und also aus diesem Grund weiterbestehen müsse», sagt Anina Steinmann. Er sei eher ein Traditionalist als ein absolutistischer Herrscher gewesen.
Für das Alter ins Kloster Muri
Müde geworden, weilt er immer wieder bei Pfarrer Sebastian Enzler in Arth und korrespondiert mit dem Benediktinermönch Meinrad Bloch aus Muri. Er hegt den Wunsch, wieder in einem Kloster zu leben – die Murenser Mönche nehmen ihn ab und zu kurzzeitig und 1817 für längere Zeit auf.
Allerdings gibt es eine Herausforderung: Ausserkantonale brauchen eine Aufenthaltsbewilligung. Die Aargauer Regierung hat ein Auge auf die Klöster. Dem gescheiterten Fürstabt wird daher nur temporär gestattet, im Kloster Muri zu leben. Erst 1820 und auf zahlreiche Bitten der Murenser bekommt er unbefristetes Gastrecht im Kanton. Im Osten der Eidgenossenschaft soll ein Doppelbistum St.Gallen-Chur entstehen. Nun schwindet auch Vorsters allerletzte Hoffnung auf die Restitution des Klosters St.Gallen. Am 7. September 1822 notiert er in sein Tagebuch: «Die Zernichtung der Abtey ist hiemit entschieden.» Zu diesem Zeitpunkt ist er 69 Jahre alt.
Mathematik im Klostergarten
Der ehemalige St.Galler Fürst zieht sich nun zurück in die Wissenschaft. Schon in St.Gallen hatte er an der Klosterschule Philosophie und Naturwissenschaften unterrichtet. Nun tut er dies auch in Muri.
Er bestellt mathematische Geräte und führt im Klostergarten Messungen durch. Schülern und jungen Mönchen steht er als Berater zur Verfügung. Während er über Jahrzehnte häufig unterwegs war, bewegt er sich nun kaum mehr weg von Muri. Einmal begibt er sich zu den Benediktinerinnen in Hermetschwil für ein Mittagessen, einmal fährt er nach Luzern und einmal macht er eine kleine Reise an den Bielersee. Mit der Aussenwelt bleibt er dennoch in Kontakt: Aus der Murenser Zeit sind rund 1600 Briefe überliefert.
Stiftungen für die Jugend
1829 stirbt er in Muri und wird in der Klosterkirche begraben, 1927 allerdings exhumiert und nach St.Gallen gebracht. Zuvor investiert er jedoch die vom Kanton St.Gallen bezahlte Pension in Vermächtnisse und Stipendien. Eine seiner Stiftungen besteht bis heute: das «St.Galler Examen». Pankraz Vorster legt 1828 6000 Franken an und bestimmt, dass aus den Zinsen Preise an acht Mädchen und acht Jungen der Schulen Langdorf, Aristau, Buttwil, Wey, Egg und Geltwil bedacht werden sollen, die sich in Sittsamkeit, Religionskenntnis, Rechtschreibung oder Mathematik besonders auszeichneten. Bis heute verleiht die Schule Muri den besten Absolventinnen und Absolventen das «St.Galler Examen».
Neue Publikation zu Pankraz Vorster
Anina Steinmann: Ein Fürstabt ohne Fürstabtei. Pankraz Vorsters Weg von St.Gallen ins Kloster Muri. Zürich 2026 (Murensia 14), 76 Seiten, 25 Farbabbildungen.
Vernissage am Montag, 12. Oktober, 17 Uhr
Muri, Festsaal Kloster Muri
Anmeldung bis 1. Oktober an geschichte@kloster-muri.ch erwünscht.